Ein Märchen oder Ernst?: Nenn‘ eine Kröte niemals einen Frosch oder die Wanderung der Amphibien

Große goldene Augen starren mich an. Der vom Sumpf durchdrungene Wald wirkt auf einmal viel dunkler weil sie so viel heller sind als die Umgebung. So viel heller als das Tier selbst, dass mich anschaut, als ob ich allein für all die Fehler der Menschheit verantwortlich wäre. Was habe ich getan? Ich bin durch den Wald geschlendert, der in einem bekannten Sumpfgebiet seine grüne Oase zum Abschalten anbietet. Auch der See in der Nähe, ist eine Pracht aber ich nahm am Liebsten den Waldweg mit einem Schlenker über die Heide und am Ende ein Stück an einem Bach entlang, an dem ich, mit etwas Glück, den Kuckuck rufen höre. So auch heute. Hier fühle ich mich wohl und deshalb haben meine Füße wie von selbst diesen Weg gewählt. Alles war wie immer. Mit nur einem Unterschied: Vor mir sitzt nun dieses Tier mit den goldenen Augen und blickt gekränkt zu mir hinauf. Was hat es nur? Ich habe in meiner kindlich anmutenden Verzückung gesagt:

„Oh, ein Frosch! Wie schön!“

Es heißt doch immer, man soll sein inneres Kind raus lassen, soll sich an kleinen Dingen freuen. Das tue ich schon lange aber es ist für die meisten ausgewachsenen Menschen ein Graus. Insbesondere für die, die wieder anfangen zu schrumpfen. Schade eigentlich, denn ich habe sehr viel Freude dadurch an meinem Leben. Mein Mann und meine Kinder machen mit Begeisterung mit. Aber manchmal brauche ich diese Momente für mich allein um mich selbst hören zu können. Oft übertönen andere Stimmen meine eigene aber in diesen Momenten der Ruhe wird auch meine von mir selbst gehört. Ich muss dafür nicht unbedingt den Wald besuchen, das geht auch zwischendurch am Tag zuhause, aber hier ist mir meine Ruhe garantiert. Der Wald hat ohnehin eine sehr heilsame Kraft auf meinen Körper und meine Seele. Er lässt mich, ohne all meine Habe, mich selbst auf einfache Weise sehen: Eine Frau im Wald. Ein Mensch im Wald. Ein Wesen unter anderen Wesen. Nicht mehr und nicht weniger. Und jetzt ist da dieses Wesen, das mit irgendetwas nicht einverstanden ist. Das sagt sein Blick. Der feuchte, schlammbedeckte Körper wirkt angespannt und das alarmiert mich ein wenig. Würde es auf mich zuspringen? Mich anspringen?

Grafik von Janina Bischoff alias JottBee TagesArt

Es fängt an komische, quietschende und gleichzeitig auch knarrende Geräusche von sich zu geben und unverhofft bilden sich Worte daraus: „Mich anzustarrrrrrn ist brrrrittttts unrrrrhörrrrt abrrrrr mich innn Frrrrroscccch zzzu nnnn, das ist innnn Frrrrrrchhit!“ Wie festgefroren stehe ich da und fasse nicht, was gerade passiert ist. Der Frosch kann sprechen! Nicht mal meine Augen kann ich von der Stelle nehmen, auf der er immer noch provokant sitzt. Als sie anfangen zu tränen, zwinkere ich hastig. Was hat er gesagt? Er mag es nicht ein Frosch genannt zu werden? „Icch binnn innn Kröööööt, du dummrrrrrr Mnnnnsch! Innn Kröt! Kinnn Frrrrosccch, kin Unkkk: Innn Kröt!“ Als ich endlich begreife, was mir dieses Tier sagen will, erwischt mich die Erkenntnis wie ein Hammerschlag: Es ist kein Frosch, es ist eine Kröte! Meine erste bewusste Bewegung ist das Zusammenziehen meiner Augenbrauen.

Wo liegt denn bloß der Unterschied?

Kröte oder Frosch.

Beides Amphibien aber wie werden sie unterschieden?

Ich mache unter den wachsamen Augen der Kröte etwas ,was ich mir im Wald möglichst verkneife: Ich zücke mein Smartphone. Der Empfang ist für tiefste Pampa gar nicht schlecht: 4g Netz, läuft.

Dort erfahre ich eine Menge und mir wird immer klarer, dass Frösche und Kröten mitnichten das Gleiche sind.

Das Wichtigste vorab:
Frösche sowie auch Kröten wandern Jahr für Jahr ab einer Dämmerungstemperatur von 6 bis 8 °C, was etwa Anfang März entspricht, Richtung Geburtsgewässer. Wir Menschen nehmen immer mehr Platz ein und daher wird diese Reise sehr gefährlich.

Schön ist, dass es Menschen gibt, die sich dieser Kröten gerade an vielbefahrenen Straße annehmen. Dort werden sogenannte Krötenzäune aufgestellt und Eimer eingebuddelt, damit die Tierchen, die in der Dämmerung loswandern, eingesammelt.

Danke! Das ist ein großer Beitrag zum Erhalt der Natur, wie wir sie kennen und erhalten wollen. Es sollten mehr mitmachen. Solche Aktionen gibt es zur Zeit überall und Unterstützung wird sicher dankend angenommen. Vielleicht sollte ich auch? Bestimmt sollte ich.

Aber nun will ich wissen, was eine Kröte von einem Frosch unterscheidet. Ah da:

Alleine durch die Größe unterscheiden sich diese beiden Amphibien, die bei eine Lungenatmung haben aber auch durch die Haut atmen können, was bei langen Tauchgängen aber vor Allem bei der Winterstarre ein nicht zu verachtender Vorteil ist.

Kröten leben das ganze Jahr mit dem Hinterteil im Waldboden während ihre Verwandten, die Frösche an oder in Gewässern leben.

Deswegen haben Kröten auch nur an den Hinterfüßen kleine Schwimmhäute und Frösche haben an allen vier Füßen größe Schwimmhäute zwischen den Zehen.

Frösche bewegen sich springend voran während Kröten kriechen. Auch ihr Verhalten in Gefahr unterscheidet sich extrem. Die Kröten erstarren an der Stelle und Frösche springen superflink davon.

Frösche haben zudem eine Schicht unappetitlichen Schleim auf der Haut während Kröten, die rein optisch mit ihren Warzen eher schleimig erscheinen, es gar nicht sind. Sie sondern ihren Apetitverderber erst bei Gefahr ab. Wenn dir also eine aufgehobene Kröte auf die Hand macht, ist das bah! Du bekommst da nichts Schlimmes von, es ist nicht giftig aber es soll Fressfeinde wegekeln und daher wasch dir bitte gut deine Hände.

Besonders gerne wandern sie über Wege weil sie da weniger Hürden haben als im Wald der voller Laub, Ästchen und allerlei Wuchs ist. Mit seinem Partner auf dem Rücken, ist das ohnehin schon anstrengend genug, auch wenn er nur ca. halb so groß ist wie das schwer schuftende, mit Eier gefüllte Weibchen.

Und da wären wir wieder bei den Krötenzäunen. Wenn ein Frosch oder eine Kröte überfahren wird, endet nicht nur das Lebendes des bedauernswerten Wesens. Es verliert auch die Möglichkeit der Fortpflanzung, die sie erst mit 2 – 3 Jahren bekommen, dann sind sie erst geschlechtsreif. Denn hier wird nicht zum Spaß am Wandern gewandert sondern mit dem Ziel, der Eiablage in genau dem Gewässer, in der es selbst das Licht der Welt erblickte.
Man mag denken, es sind doch nur ein paar Tiere, aber dann begreift man die Folgen dessen nicht.

Frösche, Kröten fressen Insekten, Würmer, Spinnen und Nacktschnecken die durch unsere rigorose Art Land zu versiegeln, Gift zu spritzen und Pflanzen- und Wälder plattzumachen ohnehin spärlich gesät sind.
Bei Nacktschnecken tut es jetzt vielen nicht allzu leid, das weiß ich. Wenn es hilft: Seht sie als Kröten- und Froschfutter. Das kürzt viel ab und vielleicht hast du nun denncoh etwas Sympathie für diese Tiere.
Ein großer Teil des Laiches und der vielen Kaulquappen von Frosch und Kröte werden von Wasservögeln, Fischen und Molchen gefressen, die überleben wollen.

Erwachsene Tiere werden unter anderm von Eulen, die wir ja ebenso als bedroht und schützenswert wahrnehmen, gefressen.

Die Bestände werden, auch wenn man jetzt denken mag: „Die bösen andern Tiere, die die Amphibien und ihre Babies fressen!“, aber kaum bedroht weil es eigentlich genug gegeben hat bis wir eben alles geändert haben. Die Grundbedingungen geändert, an der Waage der Natur gedreht, haben. Wiesen und Wälder vom Menschen „genutzt“ statt der Natur ihre Ruhe und ihren Raum zu geben. Das ist das Grundproblem vor dem wir stehen. Solange sich an dem Grundproblem, das durch Versiegelung, übergebührlicher Bewirtschaftung und Wasserverschmutzung, nichts ändert, ändert sich nichts an der Lage, in der wir, die Tierwelt und unsere gemeinsame Heimat stecken.

All das Abmindern der Folgen unseres Tuns ändert nichts, wenn wir unser Tun nicht ändern.

Mir ist nun Vieles klarer.

Ich hebe nach einer Weile der Recherche meinen Blick, der nun voller Neugier und Wissbegierde sprüht und blicke zur Kröte.

Besser gesagt, zu der Stelle, an der die Kröte gewesen ist. Die hat sich wohl in der Zeit, in der ich stillgehalten habe, wie es eigentlich ihrer Art entspricht, verdrückt. Glauben würde mir niemand meine heutige, eigenartige Begegnung. Aber das Wissen, was ich mir durch diese Begegnungen angeeignet habe, das kann ich weitergeben. Ich habe viel gelernt auch wenn ich mein selbstauferlegtes Gebot gebrochen habe.

Weil es mich interessiert hat, weil ich mich damit beschäftigt habe.

Ab heute werde ich genauer hinsehen.

Du auch?

Ich gehe jetzt erstmal nach Hause.

Grüße aus dem Wald am „Heiligen Meer“

Janina Bischoff
Inhaberin JottBee
Autorin
Nachhaltigkeits-Bloggerin
Motivdesignerin